Ted Nelson und der Begriff Hypertext

Der Ausdruck „Hypertext“ ist Ted Nelsons Verdienst. 1963 benutzte er den Ausdruck angeblich bereits, 1965 taucht das Wort erstmals schriftlich auf, und zwar in einem College-Zeitungsartikel zu einer Vorlesung von ihm, die den Titel „Computers, Creativity, and the Nature of the Written Word“ trug. Nachweisbare offizielle Literaturzitate sind allerdings jüngeren Datums. 1974 lässt Nelson ein Buch drucken mit dem programmatischen Titel „Dream Machines: New Freedoms through Computer Screens. A Minority Report (1974)“. In dem 1987 bei Microsoft Press nachgedruckten Werk konkretisiert Nelson seine Vorstellungen von Hypertext. Der wesentliche Aspekt ist für ihn, dass Hypertext von den Zwängen des sequentiellen Mediums Papier befreit: "By Hypertext i simply mean non-sequential writing; a body of written or pictorial material interconnected in such a complex way that it could not be presented or represented on paper. Hypertext is the generic term for any text, which cannot be printed." (Ausgabe 1987, S. 1/17).

Obwohl Nelson sich bewusst an Bushs Memex-Konzept anlehnt, wenn er 1972 einen Vortrag unter dem Titel „As we will think“ hält, radikalisiert er den Hypertextgedanken deutlich. Die inhaltlichen Bausteine, die es zu vernetzen gilt, sind in Nelsons Vorstellung keine kompletten herkömmlichen Dokumente mehr. Die Inhaltsbausteine sind bei ihm viel atomarer: eine Begriffsdefinition, eine Grafik, ein Foto, eine Notiz, ein Datensatz — das ist die Ebene der Inhaltseinheiten, deren Vernetzung durch Verlinkung Nelson unter Hypertext versteht. Der entscheidende Denkfortschritt dabei ist: Hypertext ist nicht einfach nur die explizite Verknüpfung herkömmlicher Dokumente. Um Hypertext zu produzieren, muss man sich von herkömmlichen, komplexen Dokumenttypen wie Abhandlung, Studie usw. lösen und viel elementarere Einzel-Topics als vernetzbare Einheiten verwenden: einzelne Thesen, Schnappschüsse, Aphorismen. Nelson erhofft sich von Hypertext als nicht-papiernem Medium die Befreiung von einer künstlichen Linearität, die durch das Medium Papier geschaffen wurde.

Der Xanadu-Entwurf

Xanadu, in der chinesischen Legende ein Synonym für Reichtum, ist der Namenspatron für Nelsons Hypertext-Projektvision, die er in den 60er Jahren entwickelte, und an der er bis auf den heutigen Tag festhält. Xanadu soll in Nelsons Vorstellungen der eine elektronische Ort sein, an dem alles Wissen der Menschheit, alle Dokumente, alle Äußerungen und sonstige Inhalte in dicht vernetzter Form gespeichert sind. Nelson nennt dieses digitale Universum „Docuverse“, also das Universum der Dokumente.

Bereits in den 60er Jahren entwickelte Nelson dazu sehr modern anmutende Gedanken. Mitten in einer Zeit, in der man unter Computern nur Großrechner im Kleiderschrankformat verstand, setzte er auf ein dezentrales System aus Host-Rechnern, genauso, wie es im heutigen Internet der Fall ist. Und genauso, wie heute das System der URIs aus Sicht des Web die eindeutige Adressierung beliebiger Inhalte im Internet regelt, hatte Nelson für Xanadu ein vergleichbares universelles Adressierungsschema ausgearbeitet. Dieses Schema geht jedoch noch wesentlich weiter als das URI-System. Nicht nur „ganze Dokumente“ sollen damit adressierbar sein, sondern im Prinzip auch beliebige Passagen innerhalb solcher Dokumente, also etwa Textpassagen, Abbildungen usw. Außerdem ist in Nelsons Dokumentensystem von vorneherein ein Permalink-System eingebaut, da von einem geänderten Dokument jeder einzelne Zwischenstand aufgehoben wird und separat adressierbar ist.

Im Xanadu-Konzept wird zwischen privaten und öffentlichen Inhalten unterschieden. Jeder, der Zugang hat, kann seine privaten Inhalte in das System einpflegen und beliebig mit öffentlichen Inhalten vernetzen. Persönliche Notizen, Briefe oder dergleichen lassen sich somit in den Bezugsrahmen des gesamten öffentlichen Xanadu stellen, was die persönliche Produktivität erhöht, ohne dem privaten Charakter zu schaden.

Xanadu verfolgt bei der Verlinkung von Inhalten jedoch ein gänzlich anderes Visualisierungskonzept, als es etwa im Web der Fall ist. Navigieren ist nicht auf das Klicken auf Links von A nach B reduziert. Stattdessen bewegt sich der Benutzer als eine Art Astronaut in einem Raum aus Dokumenten, wo Strahlen die Verknüpfungen anzeigen, und wo er sich frei bewegen kann. Verknüpfungen zwischen Inhalten sind in Xanadu automatisch immer bidirektional, d.h. beim Verweisziel ist die Verknüpfung ebenfalls präsent. Als Hintergrund dieser stark visuell ausgerichteten Navigation im Hypertextraum darf Ted Nelsons Biographie vermutet werden: bevor er sich näher mit Computern beschäftigte, hatte Nelson am Swarthmore College Filmemacherei gelernt.

Erfreulicherweise dürfen interessierte Benutzer die Xanadu Grundidee in einem kleinen Selbstversuch ausprobieren. Es wird nämlich ein Xanadu-Demo zum Download (ca. 5MByte) angeboten — leider nur für MS Windows. Nach Installation und Aufruf des Demos wird ein Dokument angezeigt. Um in dem Dokument zu scrollen, halten Sie Sie die [Strg]-Taste ([Ctrl]-Taste) gedrückt und drücken Sie gleichzeitig die Cursortasten für oben bzw. unten. Mit [Strg] und [Leertaste] können Sie zoomen. Interessant wird es jedoch erst, wenn Sie bei gedrückter [Strg]-Taste mal die Cursortasten für rechts bzw. links betätigen. Das eröffnet den Blick auf weitere vernetzte Dokumente, die Sie ebenfalls heranzoomen können. Die Verknüpfungen zwischen den Dokumenten sind sichtbar dargestellt.

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Ausschnitt aus dem Xanadu-Demo für Windows

Die Xanadu-typische Vernetzunglösung wirkt sich besonders auf Zitate aus. Wenn ein Autor einen anderen zitiert, muss er nicht dessen Text in den eigenen kopieren, sondern fügt an der entsprechenden Stelle einfach eine Referenz auf die gewünschte fremde Textpassage ein. Dank der exakten Adressierungsmöglichkeit von Inhalten kann von dem fremden Text dann einfach die gewünschte Passage dynamisch in den eigenen Text eingelesen werden. Ein ebenfalls in Xanadu integriertes Tantiemensystem, das mit einer Micropayment-Lösung verbunden ist, ermöglicht Xanadu-Autoren außerdem, ein Einkommen für ihre bei Xanadu publizierten Inhalte zu erhalten. Wird ein Autor von einem anderen auf beschriebene Weise zitiert, ist er anteilhaft an den eventuellen Tantiemen für den Text des zitierenden Autors beteiligt.

Nelsons einsamer Kampf gegen das Web

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Ted Nelson

Es ist unschwer sich vorzustellen, wie Ted Nelson den Übernacht-Erfolg des World Wide Web erlebt haben muss, als seine Ideen schon fast 30 Jahre Reifezeit hinter sich hatten: wie ein genialer Tüftler, dessen Erfindung ein anderer in Ruhm und Ehre umsetzte — wobei das erfolgreiche Web für Nelson natürlich nur ein billiger Abklatsch seines Xanadu-Systems ist. Das Verhältnis ist bis auf den heutigen Tag gespannt und treibt seltsame Blüten. So gibt es etwa ein verwaistes HTML-Dokument direkt im Startverzeichnis der Webpräsenz des W3-Konsortiums (http://www.w3.org/Xanadu.html), das wie eine skizzierte, aber nicht weiter ausgeführte Hommage an Ted Nelson wirkt. Nelson's Homepage im Web wie auch die Webpräsenz von Xanadu sind dagegen Zeugnisse offensichtlichen inneren Widerstandes gegen das Web. Man präsentiert sich betont einsilbig, eher wie in einer Pflichtübung. Aus den Zeilen spricht deutlich: „wer mehr über das hier wissen will, ist hier am falschen Ort“. In einem ebenfalls verwaisten Mini-Dokument auf Nelson's Homepage verrät dieser schließlich, was er vom Web wirklich hält: „The Web isn't hypertext, it's DECORATED DIRECTORIES!“ („The Web ist kein Hypertext, es besteht nur aus DEKORIERTEN VERZEICHNISSEN!“).

Dabei sah es ein paar Jahre lang gar nicht schlecht aus für Xanadu. 1988 übernahm die Software-Firma Autodesk das Xanadu-Projekt. 1993 trennten sich die Wege jedoch wieder, und seitdem fehlt dem Xanadu-Projekt eigentlich der finanzielle Boden. Da es sich nicht ins Internet integrieren will, liegen die Probleme vor allem beim Ausbau einer Hardware-Netz-Infrastruktur.

Im Grunde lässt sich Xanadu aus heutiger Sicht eher mit einem einzelnen, enzyklopädischen Webprojekt vergleichen als mit dem Web als Ganzem. Das Xanadu-Projekt ist im Grunde nur auf seriöse wissenschaftliche Literatur ausgerichtet — und damit überhaupt nicht mit einem Massenmedium vergleichbar, wie es das Web geworden ist. Dagegen, dass Hypertext heute mit dem Web gleichgezetzt wird, lässt sich akademisch vielleicht noch argumentieren, doch praktisch ist dieser Zug längst abgefahren. Was bleibt, ist der Respekt gegenüber Nelsons Visionen, und vielleicht wird er ja selbst noch irgendwann sagen können: „Allmählich wird das Web ja doch so ähnlich, wie Xanadu hätte werden sollen“.